„Der Kollaps der westlichen Gesellschaften tritt derzeit ein“, Haus Bartleby

By Dezember 5, 2016Blog, Neues Arbeiten

„Ladies, Gentlemen und Gentletransgender,

es ist soweit, es passiert gerade, es findet statt – und wir sind dabei, wir erleben es genau jetzt, in dieser Zeit, in unserer Welt: Der Kapitalismus ist pleite, die Arbeitsgesellschaft ist fertig, die Republik bröckelt.

Der Kollaps der westlichen Gesellschaften tritt derzeit vollständig ein. Es gibt keine Möglichkeit mehr, diesen Vorgang umzukehren oder doch noch positiv zu verwandeln. Es gibt keine Inseln oder Verstecke, in denen es nicht passiert. Es gibt keine Hoffnung und es ist auch nichts mehr zu retten.

Seien wir also dabei, wenn die alten Leute ein letztes Mal ihre großen Lieder singen. Räumen wir ihnen dafür die Freiräume ein, die sie noch ein allerletztes Mal dafür brauchen. Hören wir ein letztes Mal den Song vom Wachstum, davon, dass es besser wird, dass die Erfolge da sind. Dass nur noch ein letzter Krieg geführt werden muss, bis das Ziel erreicht sei. Dass es uns doch noch so gut gehe.

Dass wir in der besten aller möglichen Welten lebten. Dass sie die Kurve kriegten. Dass das nächste Job-Wunder komme. Die nächste Reform. Dass jetzt alle zusammenhalten müssten. Für die Zukunft.

Dass es immer noch geht, immer noch, immer noch, so, als wäre ihr letztes großes Jahr, das Jahr 2006, nie zu Ende gegangen. Als wären keine 10 Jahre verstrichen seit dem Sommer 2006 in, sagen wirs mit Arthur Schnitzler, Gilleleije, Dänemark.

Lassen wir sie ein letztes Mal ihre immer armseligeren Jetons in ihr filziges Casino tragen. Schauen wir einmal noch mit ihren ewig kindlichen Augen ins elektrische Licht der großen Städte, die in der Nacht alles überstrahlen, sodass das Elend verschwindet.

Lassen wir sie ein letztes Mal von Rentenreformen für das Jahr 2045 plappern, von ökologischen Revolutionen durch eigene Tomatensträucher, von ihrer sexuellen Befreiung, von dem Bösen in der Welt, von den kleineren Übeln, von ihrer großen Liebe, damals in der Diskothek. Von ihren Werten, ihrem Europa, von der Zeit nach der düsteren Zeit. Von dem Moment, als sie spürten, dass sie wirklich da sind und alle Möglichkeiten hatten.

Seien wir noch einmal die gütigen Kinder, wenn sie zum letzten Mal aus dem großen Glas trinken. Wenn sie an der Hafenpromenade den großen Schiffen nachschauen. Wenn das Feuerwerk noch einmal, ein allerletztes Mal kommt. Wenn die trüben Augen alter Damen nochmal glasig und tief werden. Wenn das schwache Herzlein noch einmal ganz hoch schlägt.

Wenn sie die alten Platten noch ein letztes Mal auflegen. Wenn sie das große, große Gefühl zurückholen. Und wenn des Sohnemannes Start-Up im Silicon Valley uns alle erlösen soll, und das Töchterchen das Erbe der Familie übernimmt. Zum Wohle aller, versteht sich.

Gönnen wir ihnen dieses Gefühl noch einmal, wie wir es einem alten Schwerenöter gönnen, der die hübschen jungen Mädchen anspricht. Wo beide wissen, dass es gar nicht mehr funktionieren würde. Dass es nur ein Spiel mit der Vergänglichkeit ist. Dass die Schönheit längst vorüber ist. Dass es nur noch den Verfall gibt und den großen Krieg, der uns unausweichlich bevorsteht.

Seien wir nochmal dabei, wenn ihr letzter Sekt, der letzte Schnaps, ihr letzter Joint die Runde macht. Gewähren wir diesen Respekt dem Ende der Neoliberalen Epoche wie der letzten Tanzparty tapsiger alter Freunde, die noch einmal die ganz große Geste aus den guten Zeiten aufführen. Auch wenn die Körper gar nicht mehr können.

Lassen Sie uns noch ein paar Tanzschritte mit ihnen zusammen tun:

”Fühlst Du es auch? Ist es nicht schön? Ist es nicht wunderbar?“
”Ja, das ist es. Das war es. – Ja, das war es wirklich. Es war eine große Zeit.“
”Eine große Zeit!“
”Ja. Eine große Zeit war das. Ja, ich kann es fühlen.“

Lassen wir sie ein letztes Mal sich feiern, ihre Reden halten, ihre Beschwörungen sprechen und auf ihre große Sache anstoßen, von der sie sicher sind, dass sie nie zu Ende gehen sollte.

Nehmen wir sie ein letztes Mal in den Arm und lassen wir sie in dem Gefühl ihrer großen, großen, großen alten Zeit, ihrer Projekte, ihrer Vorstellungen, ihrer Ordnung, ihrer Sachen, ihrer Lieben und Launen. Denn sie wissen es alle.

Es ist vorbei. Es ist wirklich vorbei.

Nun. – Ganz gegenwärtig
und vom großen Gefühl
einer bereits zu Ende gegangenen Zeit
im Moment der totalen Katastrophe
ein allerletztes Mal ergriffen
wie von der Abspannmusik
eines Kinofilms mit dreister Überlänge
grüßt herzlich

Ihr versammeltes,
Haus Bartleby“

Dieser großartige Text wurde verfasst von Anselm Lenz vom Haus Bartleby und ist erschienen in der Newsletter-Ausgabe 24. Er drückt in ganz vielen Stellen aus, was auch wir empfinden bei einem Blick auf unsere Gesellschaft. Aus diesem Grund braucht es mehr Gesellschaftsgestalter, die unsere Systeme wieder zukunftsfähig machen können!

Leave your thought